Klassentreffen – Wenn Erinnerungen nicht heilen
Es war der letzte Schultag der zehnten Klasse. Wir standen vor dem Klassenzimmer, das Abschlusszeugnis in der Hand, das Klassenfoto frisch im Kasten. Aufbruch, Zukunft, ernste Mienen. Doch tief in mir wusste ich: Das war ein Abschied. Und ich ahnte schon damals, dass es viele Jahre dauern würde, bis wir uns wiedersehen würden. Irgendwann. Bei einem Klassentreffen. Und ich war mir sicher – ich würde es organisieren.
Doch noch war es nicht so weit. Am nächsten Tag stand unsere Abschlussfeier an – Jungs verkleidet als Mädchen, Mädchen als Jungs. Ich fand das albern. Und trotzdem: Ich zog das alte Kleid meiner Mutter an, dazu eine Perücke, Sonnenbrille, Modeschmuck. Gut vorbereitet also – bereit für einen besonderen Abend. Doch als ich den Festsaal betrat, traf mich die erste Enttäuschung: Birgit, Birgitt und Nicole waren nicht da.
Wir waren damals so eine Art Clique. Und plötzlich – kein Wort, kein Abschied, nur Stille. Ich stand allein zwischen Glitzer, Gelächter und Verkleidung. Und wusste: Das war nicht der Abschied, den ich mir gewünscht hatte. Ich habe die nächsten Tage nur geweint. Vor allem, weil ich wusste – ich würde Birgit nicht wiedersehen.
Jahre später – der Wunsch bleibt
Die Jahre vergingen. Das Leben ging weiter. Und doch ließ mich der Gedanke an ein Klassentreffen nie los. Irgendwann dachte ich: Warum nicht einfach anfangen? Ich erstellte eine kleine Homepage mit unserem alten Klassenfoto, den Namen, der Schule. Mein Plan: Wer sich selbst googelt, würde mich finden.
Es funktionierte – zumindest ein bisschen. Eine ehemalige Klassenkameradin meldete sich: Andrea. Wir schrieben kurz, dann wurde es wieder still. Zehn weitere Jahre vergingen. Und dann kam die Corona-Pandemie – und ein Urlaub in Amsterdam, unserer alten Klassenfahrt. Das war der Auslöser. Ich hatte Zeit. Und ich hatte eine Mission.
Das große Wiederfinden
Ich schrieb Andrea wieder – ihre Mailadresse funktionierte noch. Sie war begeistert und wollte helfen. Ich gründete eine WhatsApp-Gruppe und begann zu suchen: in sozialen Netzwerken, im Telefonbuch, durch Kontakte. Nach und nach fand ich fast alle wieder. Es war ein unglaubliches Gefühl – jedes neue Mitglied in der Gruppe löste eine Welle der Freude aus. Mein Handy stand nicht mehr still – sehr zum Ärger meiner Frau.
Von 44 ehemaligen Schülern lebten leider nur noch 42. Einer schrieb kurz und knapp: Kein Interesse. Das tat weh. Ich hatte mir für jeden Mühe gegeben, Einladungskarten gestaltet, persönliche Worte gewählt. Und trotzdem: 41 waren interessiert. Das war mehr, als ich je erwartet hatte.
Das Treffen – und das leise Zerbrechen
Ich suchte einen Termin, der für alle passte. Nicht leicht bei so vielen. Doch ich fand einen. Ich reservierte ein Restaurant und wartete. Doch je näher der Tag rückte, desto mehr kamen die Absagen. Urlaub. Krankheit. Keine Lust auf Corona-Tests. Manche meldeten sich gar nicht.
Am Ende blieben 22. Und wieder traf es mich besonders, dass Birgit nicht kam. Wieder nicht. Sie fuhr mit Freundinnen nach Norderney. Kent lehnte den Test ab. Birgitt hatte einen Trauerfall. Und Michael kam einfach nicht – ohne ein Wort.
Ich wollte schon gar nicht mehr hingehen. Doch Nicole sagte, sie würde kommen – und wir fuhren gemeinsam. Und dann war es doch gut. Nicht groß, nicht tief, nicht heilend – aber echt. Wir sprachen über Ehe, Kinder, Berufe, Wohnorte. Viel mehr war in den sechs Stunden kaum möglich. Und doch lag Magie in der Luft: ein Gefühl von Zeitreise. Wir erkannten uns. Wir staunten. Wir schwiegen gemeinsam.
Als der Nachmittag zu Ende ging, fragte mich Berit, ob das nächste Treffen am Abend stattfinden könne. Ich sah sie an und sagte ruhig:
„Ein nächstes Treffen werde ich nicht organisieren. Jetzt bist du dran.“
Sie schaute mich nur groß an. Und schwieg.
Das Nachspiel
Nach dem Treffen wurde es still. Ich teilte ein paar Fotos. Mehr kam nicht. Ich spürte, wie sehr mich das Treffen belastet hatte. Die vielen Absagen, die Enttäuschung, das alte Gefühl von damals, das wieder hochkam. Ich fiel in eine Depression. Ich wollte abschließen.
Ich fragte in die Gruppe, wer wirklich an weiteren Treffen interessiert sei. 18 meldeten sich. Ich erstellte eine neue Gruppe – und verließ sie kurz darauf selbst. Ich musste loslassen.
Ein Jahr später organisierte Andrea erneut ein Treffen. Es kamen nur noch 12. Ich war nicht mehr dabei.
Heute, vier Jahre später, beschäftigt mich das alles immer noch. Die Euphorie ist verschwunden, der Kontakt versiegt, einige haben mich blockiert. Vielleicht war mein Wunsch, die Vergangenheit zurückzuholen, zu groß. Vielleicht war die Realität einfach nicht bereit dafür. Vielleicht lässt sich manches einfach nicht reparieren.
Aber ich habe es versucht. Mit ganzem Herzen.
Und das zählt.
Wenn du diesen Text liest und selbst schon einmal ein Klassentreffen erlebt hast – oder überlegst, eines zu organisieren – dann nimm diesen Gedanken mit:
Klassentreffen sind keine Zeitmaschinen.
Sie können keine verlorene Nähe ersetzen.
Aber sie können dir zeigen, wie weit du gekommen bist.
Und manchmal reicht das.

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